Auf dem Hunsrück werden Leute, die etwas gegen Fluglärm sagen, gleich Fortschrittsverhinderer und Ewiggestrige ökologische Spinner genannt!

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Streit um Flugroutenverlagerung

Rheinhessen protestiert gegen Mainzer Pläne/"Gemeinden informiert"

Vom 21.03.2002

Mainz-Bingen Die Pläne der Städte Mainz und Wiesbaden, die Abflugroute "GOGAS" des Frankfurter Flughafens nach Rheinhessen zu verlagern, haben in den betroffenen Gemeinden über alle Parteigrenzen hinweg heftige Reaktionen provoziert. Die Landeshauptstädte wollen durch ein Gutachten klären lassen, ob es möglich ist, von Frankfurt startende Flieger in einer großen Schleife über das südliche Mainzer Vorland zu führen.

Von unserem Redaktionsmitglied Lars Hennemann

"Protest" schallt es aus dem Dienst-Telefon von Klaus Penzer, noch bevor man Zeit hat, seine Frage noch einmal zu formulieren. Der SPD-Bürgermeister von Nierstein-Oppenheim kündigt im Gespräch mit der AZ eine sofortige Reaktion an: "Die Probleme von Mainz und Wiesbaden dürfen nicht auf dem Rücken von Rheinhessen ausgetragen werden. Ich werde daher schriftlich mit den Oberbürgermeistern Beutel und Diehl Kontakt aufnehmen." Am 18. April werde es zudem eine Einwohnerversammlung geben, in der über Fluglärm informiert werden solle.

Das strittige Objekt ist die so genannte "GOGAS"-Abflugroute, die nach einem virtuellen Funkfeuer bei St. Goarshausen benannt ist. Bislang fliegen auf ihr vor allem in Richtung Westeuropa und Nordamerika startende Maschinen darunter schwere Langstrecken-Typen bis an den östlichen Rand Wiesbadens , um dann in einer leichten Kurve ungefähr dem Verlauf des Rheins folgend in Richtung St. Goarshausen abzudrehen (siehe Grafik). Nur nachts wird bereits eine Schleife über Nierstein, Mommenheim, Mainz-Ebersheim und Nieder-Olm geflogen.

Gutachten im Sommer

Mainz und Wiesbaden wollen nun in einem Gutachten, das bis zum Sommer vorliegen soll, klären lassen, ob diese Route nicht auch tagsüber beflogen werden kann. Bislang hatte die Flugsicherung dies aus Sicherheitsgründen die Route würde den Kurs über dem Bereich Ober-Olm/Klein-Winternheim/Mainz-Lerchenberg zur Landung eindrehender Maschinen kreuzen abgelehnt.

Auf die Bedenken der Flugsicherung will sich der CDU-Kreisvorsitzende und Niersteiner Ortsbürgermeister Thomas Günter nicht verlassen: "Ich bin verwundert, dass das Thema wieder auf den Tisch gekommen ist. Nach den Gesprächen im Oktober 2001 mit Oberbürgermeister Beutel konnten wir die Sache als erledigt betrachten." Beutel habe im Namen der Stadt Mainz ausdrücklich versichert, dass auf Nierstein und Umgebung keine Mehrbelastung durch Fluglärm zukomme. Auf die Einhaltung dieser Zusagen pocht Günter nun: "Wir werden ein Abwälzen des Lärms nicht akzeptieren."

Erwin Malkmus, Erster Beigeordneter der Verbandsgemeinde Nieder-Olm, verweist auf den seiner Ansicht nach bereits heute überfüllten Luftraum: "Die Kollisionsgefahr, von der die Flugsicherung spricht, zeigt doch, dass auch Rheinhessen nicht mehr unbegrenzt belastet werden kann." Landrat Claus Schick äußerte sich auf AZ-Anfrage vorsichtiger. Eine einheitliche Position habe der Kreis zum Thema Fluglärm wegen unterschiedlicher Betroffenheitsgrade nicht. Allerdings wolle auch er in der Fluglärmkommission darauf achten, dass niemand in Zukunft in unzumutbarem Maß belastet werde.

Die Stadt Mainz wies die Kritik gestern in scharfer Form zurück. "Wir wollen nicht eine Route, die wie "GOGAS kurz" genau über Nierstein führt. Wir wollen eine Route, die über Rheinhessen führt und so wenig Menschen wie möglich belastet", sagte Markus Biagioni, Sprecher der Stadt Mainz, auf AZ-Anfrage. Wo genau diese Route liegen könne, solle über das Gutachten geklärt werden. Auch die bislang wenig beflogene Route "GOGAS lang", die noch weiter südlich vom Nierstein über Dexheim, Dalheim und Köngernheim verläuft, sei eine Option, ebenso wie eine völlig neue Route.

"Erklärungsbedarf"

An die Adresse Thomas Günters richtete Biagioni eine harsche Replik: "Nierstein war seit November 2001 über alle unsere Schritte informiert." Zudem habe Günter im Kreistag den Ausbau des Frankfurter Flughafen befürwortet. "Für diesen Beschluss haben wir wenig Verständnis. Hier besteht erheblicher Erklärungsbedarf." Gleichwohl sicherte Biagioni zu, dass jede Route, die nach den Erkenntnissen der Gutachter Nierstein und Umland stärker belaste, für Mainz inakzeptabel bleibe.

(Main-Rheiner Aktuelle Nachrichten vom 21.03.2002)